Abitur ?! – Eine Entscheidung die mein Leben durchkreuzte

13. Mai 2014: Mein Kalender schrieb dieses Datum. Es war der Tag, an dem eine Entscheidung getroffen werden musste.

Ich war schon seit zwei Wochen unterwegs. Bin 18 Jahre alt und Schüler der 12. Klasse, in einer Berliner Schule. Nächstes Jahr sollte das Abitur auf meinem Plan stehen.

Am Tag danach, war es für mich an der Zeit, wieder nach Berlin zu fahren, wenn ich noch zur Schule gehen sollte.  Doch das war nun nicht mehr sicher.

Ich wollte eigentlich schon nur vier Tage mitlaufen, aber durch alle möglichen Ereignisse, waren aus diesen vier Tagen schon 13 geworden.

Und so machte ich mich an diesem Tag auf den Weg, auf der Suche nach einer Entscheidung. Ich wollte sie nicht durch andere so stark beinflussen lassen. Ich wollte, dass sie meine ist. Deshalb entschied ich mich, den ganzen Tag zu schweigen, um mich aus der Gruppe auszugrenzen. Ich wollte das alles mit mir allein ausmachen.

Ich hatte schon oft darüber nachgedacht, das Abitur nicht zu machen. Es ist eine Frage, die einen sehr beschäftigen kann. Doch ich hatte mich immer wieder für die Schule entschieden. Denn meine Schule war ja auch schon anders. Ich hatte ja schon Glück. Ich fühlte mich dort eigentlich wohl. Es fiel mir alles leicht. Ich mochte die Lehrer, verstand mich mit ihnen. Konnte mit ihnen die Schule gestalten. Und da ich viele Dinge gerne tat, durfte ich die Schule für alle möglichen Projekte und Treffen verlassen. Aber trotzdem wusste auch ich nicht, wieso man ein Abitur eigentlich machen sollte. Es gab schon ein paar Gründe dafür, aber irgendwie auch immer Gründe dagegen: Denn auch wenn ich sehr gut in dieses System passte, wusste ich doch, dass es viele gab, deren Fähigkeiten einfach nicht Anerkennung bekamen. Und ich fand es irgendwie unfair, dass nur die Leute ¨gut¨ sein sollten, die diesem Typ entsprechen. Ich fragte mich auch, wieso man denn nicht einfach mehr Vertrauen in die Menschen und ihre Entwicklungsfähigkeit hat. Und ich fragte mich,  warum denn Kontrollen aussagen sollten, was für die Gesellschaft wichtig ist? Ich verstand es nicht. Ich verstand nur, dass man so besser selektieren konnte. Komischer Weise war das sogar die Begründung die mir einige Mensche, wie zum Beispiel Politker nannten. Denn man musste ja irgendwie einfach entscheiden können wer was machen darf.

Aber ich habe mich trotzdem immer fürs Abitur entschieden. Ich hatte die Vorstellung, den Wünschen der Gesellschaft zu entsprechen und trotzdem nebenbei die Welt zu verändern. Die Gesellschaft aus ihr heraus zu verändern und nicht von außen gegen die Mauern klopfen. Ich wollte sie von innen neu bauen.

Ich wollte von der Gesellschaft anerkannt sein. Ich wollte einen ¨Einser¨ Schnitt, auch wenn ich nur die Hälfte der Zeit in der Schule war. Denn wenn ich nicht dort war, war ich immer unterwegs, mit Visionen und dem Willen, eine schönere Gesellschaft zu schaffen. Und irgendwie hat es auch alles geklappt. Mein Schnitt war sehr gut und es lief alles so, wie ich mir es vorgestellt hatte.

Doch ich kam irgendwie wieder an diesen Punkt. Ich hatte ihn oft beantwortet mit: Ich mache Abitur. Wenn ich mich diesmal dagegen entscheiden würde, dann würde ich weiter laufen, wenn nicht, müsste ich wieder zurück nach Berlin. Doch eines war mir klar: Meine Entscheidung sollte und würde nicht davon abhängen, ob ich weiter laufen mag oder nicht. Deshalb habe ich auch diese Sache mit dem Schweigen gemacht, um nicht mehr die starke Gruppe zu haben. Es hat erstaunlich gut geklappt. Denn Abends habe ich mich ziehmlich ausgeschlossen und allein gefühlt. Genau das was ich brauchte.

Die Tage davor hatte ich immer gedacht, ich würde weiter laufen. Doch dadurch, dass ich nun allein darüber nachgedacht hatte, sah es ganz anders aus. Ich hatte nun die Entscheidung getroffen, ich würde morgen wieder zurück fahren. Denn ich hatte festgestellt, Schule war nicht mein Problem. Ich würde auch noch das nächste Jahr ohne allzu große Verletzungen überstehen. Ich würde mich einfach noch mehr engagieren, um mir die Absurdität der Schule nicht ständig bewusst zu machen.

Ich dachte noch weiter über diese Entscheidung nach und wollte sie analysieren, um sicher zu gehen. Irgendwann merkte ich, dass ich die Entscheidung nur aus Angst fällen würde. Aus der Angst heraus, aus dem System zu fallen. Meine Chancen zu vergeben. Aus der Angst heraus meinen so schön aufgebauten, vom System anerkannten Rebellen aufzugeben, welchen ich darstellte. Und ich habe mich nochmal gefragt, warum ich das Abitur nicht machen sollte. Ich wollte wirklich gründlich sein, bei meiner Entscheidung. Es war schon spät und die Zeit eilte. Es war schon kurz nach Elf am Abend und ich hatte mir vorgenommen, um zwölf  Uhr eine Entscheidung zu haben. Die alten Gedanken, warum kein Abitur, kamen wieder auf. Dass es kein Umgang ist, den ich akzeptieren kann. Dass ich es irgendwie unmenschlich und unmoralisch finde. Aber ich wollte das Abitur doch immer machen, da ich aus dem System heraus, das System verändern wollte und nicht aussteigen und von außen.

Irgendwann kam mir aber dann die Frage auf: Aber warum sollte ich mich trotzdem diesem System beugen, wenn ich es doch offensichtlich falsch fand? War der gesellschaftliche Zwang so stark? Und ich habe gedacht: Ja. Doch dann kam mir irgendwann der Gedanke: Aber wenn das jeder so macht? Wenn man das immer so macht? Wenn ich mich immer so entscheide? Wenn ich mich zum Schluss doch den größten Zwängen unterwerfe? Was dann?

Es dauerte ein bisschen und irgendwann kam mir eine Analogie auf: Wenn ich das Abitur mache, ist es, wie wenn man in der Krieg zieht, obwohl man gegen den Krieg ist. Vielleicht kann ich das Abitur nicht alleine abschaffen, so wie man den Krieg vielleicht nicht alleine stoppen kann. Aber ich kann zeigen,  dass ich nicht mitmache. Ich kann zeigen, dass es auch anders geht. Nicht aus Flucht, denn in der Schule bin ich gut, sondern als Zeichen. Als Mensch. Als Mensch, der zu seinen Werten steht!

Als diese Idee in mir Gestallt annahm, merkte ich, wie viel Mut es kosten muss sie wirklich umzusetzen. Mir wurde bewusst, dass es vielleicht die mutigste Entscheidung ist, die man in meinem Alter, heute, treffen kann. Ich spürte, wie viel Angst mit dieser Entscheidung verknüpft ist. Ich spürte, wie sehr, wenn ich diesen Weg gehen möchte, hier mein Mut gefragt sein wird. Aber ich habe auch gespürt, dass ich nicht zuschauen kann. Und dass ich schon gar nicht mitmachen kann!

Ich wusste nun, dass ich diesen Schritt machen möchte, dass ich diese Entscheidung tragen werde! Dass ich sie leben werde!

Ich werde kein Abitur machen!

Denn wie würde die Welt denn ausehen, wenn niemand den Mut aufbringen würde zu seinen Werten zu stehen?

Und so werde ich diesen Weg gehen!

Dies ist meine persönliche Entscheidung, weil ich glaube, dass es für mich so richtig ist! Es soll keine allgemeine Empfehlung sein, das Abitur nicht zu machen!
von Joey

Kommentare (33) Schreibe einen Kommentar

  1. Wow! Mein Respekt hast du auf jeden Fall. Es ist eine sehr mutige Entscheidung.
    Ich wünsche dir viel Erfolg auf deinem neuen Weg!

    VG
    Philipp

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  2. RESPEKT! Ich machte 1970 Abitur + studierte später. Für mich wäre besser gewesen, eine Lehre zu machen, Handwerk zu lernen. Mit 18 hatte ich zu viele Ängste, um wirklich selbständig zu sein.

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  3. Hej Joey,

    ganz ehrlich: ich kann das Verstehen, und ja es ist ein scheiß System, aber eine Rosa Luxemburg oder ein Karl Liebknecht wären ohne ihre Erfahrungen aus dem Studium (Bekanntschaften/neue Ideen/Austausch) nie zum dem geworden was sie waren. Ich habe mein Abi nebenbei gemacht -so wie du- aber die Erfahrungen aus dem Studium möchte ich nicht missen!

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  4. Das ist ein sehr langer Artikel darüber, was Du nicht machen möchtest.

    Mich interessiert:
    – Was willst Du denn machen?
    – So ganz konkret.
    – In den nächsten drei Monaten.

    P.S. Ich hatte mich auch entschieden, kein Abitur zu machen und habe das Gymnasium abgebrochen. Aber nicht weil ich kein Abitur machen wollte, sondern weil ich eine bessere Alternative hatte. Ich hatte ein Ziel, kein Nicht-Ziel.

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  5. Als Bruder möchte ich sagen, dass ich stolz auf dich bin. Auch wenn ich die Schule weiter mache stimme ich dir zu, nur würde ich andre Wege für mich selbst gehen. Allerdings denke ich das du deinen idealen Weg gefunden hast.

    Julian <3

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    • Lieber julian…,ueber konrad g.(mein sohn 😉 erfuhr ich von der entscheidung deines bruders. Ich wuerde euch beide gern einmal sprechen!-um mehr von euren bewegruenden zu erfahren. Meint ihr, wir koennten uns einmal in pankow treffen? …ich habe ja selbst zwei schulen gegruendet. …und wir ueberlegen,ob es eine abiturstufe geben wird und wie wir sie konzeptionieren. Es ist aber unser ziel, mit dem abi nicht !jugendliche wie erbsen auszusortieren…

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  6. Sehr guter Artikel. Hoffe er geht nicht unter. Wünsche Dir, dass Du mehr Leute kennenlernst, die gleiche Gedankenzüge haben und vor der selben Entscheidung stehen. Die Mehrzahl geht den Weg, Dinge hinzunehmen – ist schließlich bequemer und mit weniger Aufwand/Mut verbunden.

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  7. Hey Joey,

    die Erkenntnis, die du jetzt schon hast, kam bei mir erst ein paar Jahre später als ich schon ein Jahr an der Uni war. Jetzt bin ich raus, mache mein eigenes Ding und helfe jungen Menschen auch ihren eigenen Weg zu gehen.

    Bin gespannt, wie dein Weg aussehen wird – ich wünsche dir von Herzen alles Liebe und Gute.

    Ben
    (von http://www.anti-uni.com)

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  8. Großartig Joey! Mach weiter so! Wer in dem Alter schon so weit denkt, wird es einmal sehr weit bringen.

    Mark Twain wäre bestimmt stolz auf dich:

    „Never Let Schooling Interfere With Your Education“

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  9. Hey Joey,
    ich finde das ganz toll! Und ich meine vor allem, dass du schon mit 18 so sehr deiner Werte bewusst bist und zu diesen stehst! Wirklich klasse!
    Aber genauso finde ich die Entscheidung toll! Die Entscheidung gegen die Masse – mit dem vollen Vertrauen – dass du genau deinen Weg finden wirst, wie du der Welt deinen Beitrag zu teil lassen kommen kannst. Und ich bin tausend prozentig überzeugt, dass du das tun wirst, auf eine größere, sinnvollere und bereichernde Weise als mit Abi und den vermeintlichen Chancen für ein gutes Berufsleben in der Tasche. Du willst jetzt schon mehr als das und dazu möchte ich dir einfach weiterhin Mut machen! Und dieser Mut wird zum Motor! Du bist ein großes Vorbild für deine Generation – mutig und authentisch zu sein! Geh weiter voran! Falls du in irgendeiner Art und Weise auf deinem Erkenntnis- und Verwirklichungsweg Unterstützung brauchst, schreib mir!!!
    Ganz liebe Grüße!
    Mohni

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  10. Hey Joe! Ich hab deinen Gedankenweg gelesen, er beeindruckt mich. Ich würde mich niemals trauen auch nur ansatzweise das Abitur nicht zu machen.
    Aber ich denke, dass du das einmal bereuen wirst. Wir leben in einem System, da hast du recht. Aber was willst du damit beweisen? Hättest du denn keine Werte mit Abitur? Wenn du es hast, kannst du doch immer noch die Welt verändern. Es geht nicht darum was du alles machen kannst, wenn du das nicht hast. Es geht darum was du alles nicht machen kannst. Und gerade diese Einschränkung kann dir später mal im Wege stehen.

    Dennoch Respekt für den Mut. Lg Nina

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  11. Schule mit Krieg zu vergleichen?, bist du blöd?! Von mir aus mach kein Abi, von mir aus sei ein Rebel.. Respekt von mir, aber so ist das Leben, wenn du es nicht akzeptieren magst dann kann ich dir nicht helfen.. wir sehen uns dann auf der Straße..

    Gruß Steaffan

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    • Das Abitur ist nicht zwang sondern eine Chance auf bessere Arbeit! Und Schule mit Krieg zu vergleichen ist Blödsinn,du hasst nie einen erlebt!
      Hoffe dir alles gute in der zuknft, du wirst es brauchen

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      • Abitur=Chance auf bessere Arbeit?
        Sehr witzig, ich glaub du hast noch gar keine Ahnung von der Arbeitswelt und vom Leben ganz wenig, weil der Wir-sehen-uns-auf-der-Strasse-Spruch, hat was wie „wer hat Angst vom schwarzen Mann. Ein Angstmacherspruch. Die Strasse lehrt mehr als alle Schulen dieser Welt
        Joe`s Kriegs-Vergleich bezieht sich nicht auf Krieg an sich, sondern auf den vorherrschenden fremdbestimmten Zwang in dieser Situation 😉
        Joe beginnt den einzigen Weg zu gehen der wirklich glücklich macht.
        Den Weg der Selbstbestimmtheit,
        dabei spielt es keine Rolle ob er von Dritten als richtig oder falsch definiert wird (das kann man eh erst „hinterher“ beurteilen)
        Was er noch lernen muss ist, wie Hans andeutet, zu erkennen was ER will und nicht das Wissen um was man nicht will.

        Nur Mut Joe
        LG
        Sven

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  12. Ein sehr langer Artikel darüber, was Du nicht willst.
    Und was willst Du?
    Darüber schreibst Du nichts.

    Ich habe nach der 11. Klasse bei guten Noten das Gymnasium abgebrochen. Ich habe kein Abitur. Trotzdem studiert. Ich bereue nichts, aber der Entschluß kam, weil ich eine bessere Alternative gefunden hatte.

    Was ist Deine?

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  13. Hallo Joey,
    großartig, wie du an die Entscheidung herangegangen bist.
    Mit viel Klarheit und Mut.
    Ein Tag des Schweigens nutzen um in sich selbst hineinzuhören und eine unbeeinflußte Entscheidung zu treffen.
    Erkenntnisse über den Einfluss der Gesellschaft und ihren vermeidlichen Erwartungen an uns. Super reflektiert.
    Ich wünsche dir weiterhin viel Glück, Spaß und jede Menge Erkenntnisse über dich selbst auf deinem Weg
    herzliche Grüße
    Carmen

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  14. Lieber Joey,

    bin wirklich zu Tränen gerührt…..
    Als Mutter eines jetzt schulpflichtigen Sohnes, mir so sehr wünschend einen
    zwanglosen freien und entwicklungsfördernden Weg gehen zu könne was das Thema Bildung anbelangt, was heute und hier in DE so unglaublich schwer scheint. Und dann als eine von so Wenigen da zu stehen die radikal andere Wege geht….Ja-das braucht Mut. aber ich glaube um so mehr kommt an Kraft rüber und Anerkennung zurück, wenn wir tun was unsere Werte sind. DANKE für Dein VORAUSGEHEN….Herzgruß, Rina

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  15. Tut mir leid, ich finde es unglaubwürdig und naiv.
    Es gibt auf dem Land (in Hessen genauso wie in Bayern) viele Schüler, die ganz normal nach der 9. oder 10. Klasse eine Ausbildung antreten, weil Abitur gar nicht zur Debatte steht. Und diese Jugendlichen haben trotzdem die nötige Reife.
    Die zwei zusätzlichen Schuljahre machen sich in Deinem Lebenslauf nicht unbedingt gut.

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  16. Hey Joey,

    toll, dass du eine Entscheidung treffen konntest, die sich für dich richtig anfühlt! Besonders loben möchte ich an dieser Stelle dein kritisches Hinterfragen der Situation und das Abwägen von Pro&Contra! Auch ich habe vor ein paar Jahren diesen Weg eingeschlagen und nach der zwölften Klasse die Schule abgebrochen(trotz, oder gerade wegen der guten Noten), da ich mit der Form von Selektion und der allgemeinen Mentalität unseres Bildungssystems nicht konform gehe! Sicherlich kann einer alleine nicht allzuviel an unseren herrschenden Umständen im Bildungssystem ändern, aber wenn mehr Menschen anfangen, diese Misstände kritisch zu hinterfragen und zu diskutieren kann man aus dem bereits Bestehenden etwas Neues formen. Alles zu verteufeln, gleich dem Motto „Alles Scheiße, alles Mist“ hat sicherlich keine Zukunft…aber dein Ansatz, die Problematiken zu erkennen, ein Zeichen zu setzen und somit zu wissen was man evtl. besser machen könnte, hat Potential um künftigen Generationen getreu ihrer ganz eigenen individuellen Stärken ein passendes Bildungssystem zu bieten, vor allem eines, an dem aktiv mitgestaltet werden kann! Die Tatsache, dass wir einander nicht kennen, aber die gleichen Probleme beim Namen nennen können scheint mir eine gute Basis um einen gesellschaftlichen Konsens zu bilden, auf dem Neues bewegt werden kann und Ideen Form annehmen können!

    In diesem Sinne, alles Gute auf deinen weiteren Wegen!

    P.S. Anbei ein kleiner Literaturtipp der dich interessieren könnte: Paolo Freire – „Pädagogik der Unterdrückten“! Viel Spaß beim Lesen 😉

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  17. Lieber Joey,
    dein Text beschäftigt mich sehr – und da ich nun endlich dazu komme, ihn zu kommentieren, bin ich froh, dass dein Vergleich von Abi-Verweigerung und Kriegsverweigerung schon kritisch gesehen wurde. Ich unterrichte Schüler und Schülerinnen, die aus Kriegsgebieten kommen. Sie können kein Abitur mehr machen, weil sie jetzt in einem für sie fremden Land sind, nicht genügend Deutsch können und weil sie niemanden haben, der sie emotional, finanziell und materiell dabei unterstützt. Obwohl sie sehr klug sind. Einige dieser Schüler würden sehr, sehr gerne Abitur machen und studieren. Sie werden es nie können. In der Generation meiner Großeltern und Eltern habe ich Menschen kennen gelernt, die wegen des Krieges kein Abitur machen konnten – und das ihr Leben lang bedauert haben. Sie hätten gerne studiert.

    Ein Jahr lang sich durch die Abi-Vorbereitungen kämpfen, etwas durchhalten, den Stress der Prüfungen durchstehen – dafür bekommt man dann die „Reife“ zuerkannt. Das halte ich nicht für etwas Schlimmes. Da gibt es Schlimmeres auf dieser Welt, wo gegen sich zu kämpfen lohnt!!

    Ich finde auch, dass Ihr mit Eurer „Abschluss-Verweigerung“ vielleicht nicht genug schätzt, wie viel Energie und Mühe Eure Eltern eingesetzt haben, um Euch eine gute Bildung zu ermöglichen. Wir haben das nicht gemacht, weil wir so blöde und systemkonform sind, sondern weil unsere Lebenserfahrung uns gelehrt hat, wie wichtig eine gute Ausbildung für ein befriedigendes Leben ist. Inhaltlich – und auch materiell (was vielleicht nicht zu unterschätzen ist, wenn man/frau Familie hat.) Solange Ihr keine Abschlüsse habt, bleiben wir in Unruhe, was aus Euch werden wird (ich jedenfalls – vielleicht können Deine Eltern da ja gelassener sein?)

    Beim Laufen kann man ja gut nachdenken und diskutieren – vielleicht überdenkt Ihr so manches noch einmal.

    Grüße von einer „Funkenflieger-Mutter“, die vieles, was Ihr macht, auch mit Freude beobachtet

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  18. Was macht eine Entscheidung zu einer „guten“ Entscheidung?
    Mir hilft da die Frage nach dem Nutzen bzw. nach dem Schaden. Wer hat was davon bzw. wen schädige ich, wenn ich mich so oder so entscheide?

    Du begründest Deine Entscheidung zum einen mit Deiner Solidarität mit denen, “ deren Fähigkeiten einfach nicht Anerkennung bekamen“ bei der „Selektion“. Zum anderen willst Du durch Verweigerung „dem System“ schaden, es verändern.

    Nutzt oder schadet den Benachteiligten nun Deine Entscheidung?
    Nutzt oder schadet Deine Entscheidung dem System?

    Du beschreibst Dein Wirken in der Schule positiv: „Ich mochte die Lehrer, verstand mich mit ihnen. Konnte mit ihnen die Schule gestalten. Und da ich viele Dinge gerne tat, durfte ich die Schule für alle möglichen Projekte und Treffen verlassen.“ Damit hast Du sicherlich den Schwächeren sehr genutzt und dem System gleichzeitig geschadet. Jetzt fällt beiderlei Wirkung weg: Die Benachteiligten müssen auf Dich in der Schule verzichten und „das System“ freut sich, weil der Kritiker, Veränderer und Gestalter endlich weg ist. Wolltest Du das?

    Das kann man so machen, denn manchmal muss man auch „egoistisch“ an sich selber denken und für sich selber entscheiden. Darum die letzte Frage: Welchen Nutzen oder Schaden hast Du selber von der Entscheidung?

    Als einer, der versucht, im System Veränderungen anzustoßen, bedauere ich sehr, dass die Benachteiligten und diejenigen, die ein Herz für sie haben, nun auf Dich, auf Deine Gegenwart und gestalterischen Fähigkeiten verzichten müssen! Schade!

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  19. Hallo Joey,

    genial, was Du hier für Kommentare hervorgerufen hast! 🙂 Eine bunte Vielfalt von Resonanzen, die aufzeigen: es gibt nicht DEN richtigen Weg, es gibt ganz viele unterschiedliche Meinungen, und es geht darum, dass DU DEINEN !!! Weg findest.

    Was ich gerade besonders spannend finde: es löst sich – meiner Beobachtung nach! – ganz vieles auf … immer mehr Unternehmen erkennen, dass sie keine Einser-Kandidaten als Mitarbeiter benötigen, sondern kreative Selber-Denker, eigenverantwortlich handelnde Mitarbeiter, die für etwas „brennen“ können … Was für die Generation Deiner Eltern noch gut und richtig war, wandelt sich heute in andere Werte. Völlig neue Berufe entstehen, dank Internet gibt es viel größere Möglichkeiten der Vernetzung, der Ideen-Realisierung. Überhaupt: ich nehme euch sehr viel vernetzter wahr, sehr viel hinterfragender, sehr viel mehr auf Teamarbeit setzend.

    Mir macht das – als Mama eines 14jährigen – sehr viel Freude zu beobachten, was da für ein Wandel stattfindet. Und zwar ein Wandel „von unten“, von euch jungen Menschen initiiert. Grandios … für mich 😉

    Viel Erfolg auf Deinem weiteren Weg!!!

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  20. Pingback: wie will ich in die Zukunft gehen | Funkenflug

  21. eine mutige Entscheidung. Ich bin heute 60 Jahre alt. Ich musste damals Abi machen. Ich habe es nie gebraucht. Ich hatte mich entschieden meinem Bauchgefühl zu folgen – neija und Geld verdienen und dabei Spaß haben mit dem was ich mache, das geht auch ohne Abi – es ist gut möglich wie eine Forelle gegen den Strom zu schwimmen – die Forelle produziert dabei sogar so viel Energie, dass eine Glühbirnen zum leuchten gebracht werden … Viel Erfolg Birgit

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  22. Hey Joe, herzlichen Glückwunsch zu Deiner eigenen Entscheidung, der Selbstverantwortung die du angenommen hast und Deinem Mut!!! Alles Voraussetzung die Du brauchst um die Welt zu verändern! Das Universum ist mit Dir und wird Dich liebend unterstützen auf Deinem Weg. Ich habe mich damals auch für meinen eigenen Weg entschieden und es niemals bereut! Heute mit 35, bin ich die Künstlerin die ich immer sein wollte und entwickle mich gerade nochmal in eine richtung ( heilung) die ich mir nie hätte träumen lassen, da das leben und der eigene weg dich zu dingen führt, auf die man selber wohl so auch nicht gekommen wäre…. Auch wenn den eigenen weg gehen bedeutet, das es keine „Sicherheit“ gibt ( das is eh auch wieder Systemdruck, um uns besser zu manipulieren) habe ich ein grosses Gefühl von Freiheit in mir . Welches ich jeden tag leben darf, in Dankbarkeit und Liebe für alles was ist mit meinem Leben und die Entscheidung gegen die Angst und für die Liebe ( Urvertrauen, der eigenen inneren Stimme lauschen und sich entscheiden!). Das ist es worum es geht im leben und Du bist schon so früh darauf gekommen , als Du in Dich rein gehört hast und Dich gegen die Angst entschieden hast! ganz grosses Tennis! freu mich für dich und bin gespannt was grosses aus Dir wird, wir brauchen Dich und mehr Beispiele wie Du werden folgen. Da die Realität und und die Welt und die Menscheit in einem grossen wandlungsprozess ist. aller liebst BellaBerlin

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  23. Als dein – nun ehemaliger – Geschichtslehrer weiß ich ganz gut, dass jeder Krieg auch ein Ende findet. Wenn du dann aus dem Exil zurückkehren möchtest, ich freue mich dich wiederzusehen. Du bist ein mutiger Mensch und beginnst nun einen spannenden Lebensabschnitt. Ich bin gespannt, was du in den nächsten Wochen und Monaten aufbaust und wünsche Dir dafür Gottes Segen!

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  24. RESPEKT!!!
    Ich(16) habe fast genau die selben Gedankengänge zurzeit… Noch ist die Angst, aus dem System zu fallen und mir meine Chancen zu verbauen, zu groß, aber ich muss noch zwei Jahre in diesem System aushalten… Es kann sich also noch vieles verschieben in meinen Abwägungen, die Schule abzubrechen. Ich wünsche dir das Beste für die Zukunft und dass du nie deine Entscheidung bereust, wovon ich aber überzeugt bin.

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  25. Interessante Überlegungen… Ich habe das Abi gemacht aber aus teils ähnlichen, teils ganz anderen Gründen mein Studium nach kurzer Zeit abgebrochen.

    Mich störte nie das System oder die Ungerechtigkeit – mich störte die Idee eines prädestinierten Lebenslaufs mit Schule, Studium, Job, Familie und Eigenheim in der Neubausiedlung, weil das nicht meiner Definition eines erfüllten Lebens entspricht.

    Und ich denke darum geht es ja eigentlich: Ein Leben zu führen, dass einen selbst glücklich macht, völlig unabhängig davon, ob man dabei „Gutes“ nur für sich, für andere oder für ein wie auch immer geartetes, idealistisches Ziel tut.

    Ich persönlich hätte überlegt, ob ich die bereits in die Schule investierte Zeit nicht als Grund nehmen sollte das Abi eben noch mitzunehmen, aber ich kann auch Deine Überlegungen nachvollziehen genau das nicht zu tun.

    Aus meiner Lebenserfahrung kann ich zum einen Mut zusprechen: Wenn die Entscheidung gut durchdacht, bewusst entschieden und nicht bereut wird, ist sie die Richtige – zum anderen sollte man sich aber auch im Klaren darüber sein, dass Idealismus selten (oder nur sehr indirekt) ein Glücklichmacher ist. Wenn man das bewusst in Kauf nimmt ist man denke ich auf dem richtigen Weg – wohin auch immer. In jedem Fall viel Glück und Freude am weiteren Lebensweg – Viele Grüße von einem halbsystemkonformen Kapitalisten 🙂

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  26. Pingback: Was wirklich zählt...

  27. Pingback: Menschlichkeit und Todesstreifen | Funkenflug

  28. Lieber Joey,

    you made my day! Danke für diese unglaublich mutige Entscheidung, von der ich nicht im geringsten bezweifle dass sie für dich genau das richtige war! Danke dass du einen ersten Schritt gehst, und diesen auch noch so wunderbar teilst.
    Ich bin schwer beeindruckt von deiner reflektierten Denkweise trotz deines noch jungen Alters, und ich freue mich unglaublich doll dass es dank Menschen wie dir trotz aller Schwarzmalerei doch stetig immer weiter bergauf geht mit unserer Gesellschaft – von INNEN heraus. Weil Menschen wie du Lawinen lostreten können und werden. Ich freue mich unglaublich doll drauf dich kennenzulernen!

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  29. Ich fand deinen Text oder Blog sehr schön! Ich habe mich gefreut, dass du eine ähnliche Meinung zum Abitur hast. Denn schon seit fast 2 Jahren mache ich mich selbst fertig und niemand weiß wirklich wieso. Nur meine Freundin versteht meine Weltansicht. Denn ich habe schon in mehreren Ländern gelebt und kenne den gesellschaftlichen Zwang all zu gut. Mit 11 Jahren als ich auf die Mittelschule ging und dann von der Mittelschule auf das Gymnasium gewechselt bin, wurde ich ein Einzelgänger und habe mich geweigert mit anderen Kindern zu reden oder zu spielen. Viele dachten ich wäre einfach schüchtern, aber eigentlich hatte ich einfach nur einen Ekel gegenüber der Gesellschaft, weil ich mich einfach nicht mehr verpflichtet fühlte, ihnen den Gefallen zu tun und mein Wesen zu ändern, nur damit ich mit den anderen über sinnlosen Scheiß reden kann.
    Nun die Entscheidung mit der Schule ist anders, da beide Entscheidungen, für und gegen das Abitur könnten mich negativ beeinflussen. Viele denken, dass das Abitur die beste Entscheidung sei, aber da ich ein anderer Mensch bin, könnte das Abitur mir sogar schaden, weil ich dann nicht lerne meinen eigenen Weg zu gehen, sondern das mache, was andere von mir erwarten. Und diese Weise entspricht einfach nicht meinem Wesen, es ist wie als ob ich mich selbst anlüge. Und so fühlt es sich gerade an. Ich bin jetzt das zweite Mal in der 11.Klasse und gebe mir echt Mühe, das Abitur machen zu wollen, aber eine Stimme in mir schreit jeden Tag ganz laut und bringt mich zum Weinen. Ich habe Wutanfälle, wenn ich vor meinen Hausaufgaben sitze. Ich würde es durchziehen, wenn ich einen Sinn hinter dem Abitur sehen könnte, aber ich sehe keinen Sinn. Und das ist für viele Menschen schwer zu verstehen. Denn ich habe durch 4 Jahre in Amerika und 2 Jahre in China, verschiedene Kulturen kennengelernt. Und wenn man mehr als 1 Mal einen Kulturschock in einem so jungen Alter erlebt hat, fängt man an, gesellschaftliche Erwartungen und Normen zu hinterfragen und sie sogar abzuschreiben und zu rebellieren, aber nicht aus Egoismus, sondern aus Treue zu einem selbst. Ich versuche echt mich der Gesellschaft anzupassen, aber wenn ich dies tue, könnte ich heulen und das tue ich auch meistens. Aber ich habe viel zu viele Ängste, dass Abitur abzuschreiben, aber mein Willen spricht nur gegen das Abitur. Der Zweifel, der durch die Gesellschaft in mir eingepflanzt wurde und mein übergroßes Ego und mein Willen gegen das Abitur bringt mich zum Stillstand und ich weiß gar nicht mehr was ich machen soll. Aber mein Bauchgefühl sagt mir, ich muss den Zweifel loslassen und endlich meinen Wunsch erfüllen, denn ich weiß eigentlich, was ich machen möchte, aber habe noch nicht den Mut dazu gefunden.

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