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Die Memoiren des Joachims

Ich heiße Joachim. Ich bin 52. Ich wohne hier schon seit 25 Jahren. Jeden morgen stehe ich auf, gehe vor die Tür, wälze mich routinevoll im Gras, gehe anschließend wieder ins Haus und lese die Morgenzeitung. Meine Nachbarn mögen mich nicht, sie sagen, ich sei zu angepasst. Ich würde kaum das Haus verlassen (und das trotz meines morgendlichen Graswälzrituals), würde kaum unter Leute gehen und mich gehen lassen. All das, was die Nachbarn über mich sagen – es stimmt. Sie haben recht. Ich lebte nie auf der Sonnenseite des Lebens, habe mich nie getraut nachzuschauen, ob am Ende des Regenbogens ein Schatz herumliegt.

Man sagt, Freunde könne man sich aussuchen, die Familie nicht. Wie wahr dieser Spruch ist, hab ich am eigenen Leib spüren müssen. Allein welchen Namen meine Familie trägt: Meerschweinchen. Zum Schwimmen hat’s nicht gereicht. Und zum Schwein anscheinend auch nicht.

Ja, ich heiße Joachim, bin ein kleines, flauschiges, depressives Meerschweinchen – von den Zeichen der Zeit geprägt – und wohne seit 25 Jahren hier in Bremke. Bremke, so sagt man, sei wohl auch nicht der ’place to be’, eher ein ’place to cry’. Natur pur, inmitten des Nirgendwo, ein paar Kilometer zur ehemaligen Grenze. Wenn Entschleunigung einen Ort bräuchte, Bremke wäre ein heißer Kandidat. Da überrascht es auch nicht, dass die Autokorrektur meines Schreibprogramms ’Bremke’ immer zu ’Bremse’ umzuändern versucht – wie ironisch. Selbst das Schreibprogramm scheint ein Bedürfnis zu haben, das auszudrücken, was sich hinter diesem Ortsnamen verbirgt.

Warum erzähle ich das alles? Weil ich sonst niemanden habe, und, weil mir letztens etwas meiner Routine einen Strich durch die Rechnung (und die Rechnung ist ziemlich gut) gemacht hat. Das hier ist ein Versuch. Der Versuch einer Selbsttherapie. Der Versuch, das Widerfahrene zu verarbeiten. Wo soll ich nur anfangen? Bei den morgendlichen gesanglichen Weckaktionen (die teilweise mit einem Stabmixer zur ’musikalischen’ Unterstützung erfolgten)? Bei der Mirabellensammelwut, die zu gefühlten 10 Tonnen Mirabellen in Eimern, Kisten und noch mehr Eimern führte? Bei einer konstanten guten Laune, die mich fast um den Verstand gebracht hat? Bei Menschen, die die Existenz meines guten Freundes Karl – einem kommunistischen Känguru – leugneten? Oder bei diesem latenten Idealismus, der vorherrschte? Es ist nicht so, dass ich ein unidealistisches Meerschweinchen bin. Doch das Gras wird einfach nicht grüner, auch wenn ich es jeden Morgen hoffe. Oder soll ich bei diesem permanenten Gesinge anfangen, dass mir Melodien in meinen Kopf gebrannt hat. An Stellen, an denen vorher mein übrig gebliebenes Hamsterradwissen war (Fußnote: Ja, diese blöden Hamster stehen einfach über uns. Jahrhunderte des Kampfes haben es nicht geschafft, diese hohlen, herrschenden Hamster zu stürzen. Wir Meerschweinchen müssen seit jeher das goldene Hamsterrad erwerben. Das tuen wir Meerschweinchen, indem wir für eine Stunde mit 5km/h in einem Hamsterrad laufen und einem nebenstehenden, fragestellenden Hamster Fragen korrekt beantworten. Ab 90% richtige Antworten gibt es das goldene Hasmterrad. Wer es hat, wird für zehn Jahre in Ruhe gelassen. Ich habe noch nie einen Hamster gesehen – und auch der Prüfungshamster sah eher aus wie eine Wühlmaus). Whatever, das letzte bisschen Hamsterwissen wurde nun überschrieben von Liedtexten, die ich nie hören wollte.

Vielleicht fang ich meine Selbsttherapie einfach chronologisch an. Chronologisch heißt in diesem Fall, ich fange an, den Morgen zu beschreiben, an dem ich aufgewacht bin. Denn was an diesem morgen geschah, lies mich den längsten Tag meines Lebens erleben, es lies mich für zwei Wochen nicht schlafen. Der längste Tag in meinem Leben dauerte somit 408 Stunden! Über diesen Tag möchte ich erzählen.

Logbucheintrag 612 – An meinem Fenster fliegen Menschen vorbei. (K. Peng)

Mein Vater, Karl Theodor zu Schweinchenberg, erfand den Spruch: ’Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie, was man bekommt.’ An genau diesen, von ihm geprägten Ausspruch dachte ich heute auch. Da lag ich nichtsahnend in meinem Schweinchenbett, kratzte mir den letzten Schlafsand beherzt aus den Augen und freute mich auf das nasse Gras. Ich schwang mich aus dem Bett, taumelte die Treppe herunter und betrat den Rasen. Alles zertrampelt. Was war hier nur geschehen? ’Egal, im Gras rumschnuffeln werde ich trotzdem’ dachte ich und tat selbiges als gäbe es keinen Morgen mehr. Ich ging ins Haus. Da saßen sie. Junge Menschen. Alter: gemischt – 18, 19, 20…um die 30. Gut gelaunt. Frühstückend. Eine große Decke hatten sie auf dem Boden ausgebreitet, um die sie gemütlich saßen und aßen. Ich versteckte mich unter der alten Holzbank und schaute ihnen stillschweigend zu. Irgendwann, als das Frühstück sich dem Ende nahte (und das war keine Selbstverständlichkeit bei der augenscheinlichen Gefräßigkeit einiger dieser Fremder) stand einer auf, ging ruhigen Schrittes an die Tafel und schrieb: ’HEUTIGES PROGRAMM’. Das, was die da taten, nannte sich Openspace. Diese Form der Gruppenkoordination kenne ich noch sehr gut. Damals, 1974, auf einem Meerschweinchencamp in Jugoslawien machten wir auch dieses Openspace. Das ging so lange gut, bis ein weißes, sehr langhaariges Meerschweinchen den Workshop ’Häkeln’ angeboten hatte. Beim Workshop hat es dann die weiße Wolle mit seinem Fell verwechselt, sich ausversehen selbst teilweise in den zu häkelnden Topflappen gehäkelt und nicht mehr entknoten können. So ist auch der geflügelte Ausspruch: ’Hast du langes Haar, besteht akute Einhäkelgefahr!’ entstanden. Nunja, andere Geschichte. Ich beobachtete also, wie diese Camper Openspace betrieben. Viele kreative Workshopideen wurden an die Tafel geschmiert:

• Was ist Würde?

• Filmmaterial-Schneideworkshop

• Funkenflug-Lauf 2015 • Was ist Funkenflug?

• Website

• Malgespräche

• Akrobatik

• Vorlesen

• …

Dieses Engagement, diese Fröhlichkeit, dieser Drang etwas Sinnvolles zu machen. Ich erinnerte mich an meine Jugend. Die war eigentlich viel zu kurz, früh musste ich malochen gehen. Jeden morgen 06:30 den Bus genommen, ab nach Hamsterhausen und Hamsterräder produziert. Jaja, das waren noch Zeiten. Ein bisschen Auszeit hätte mir sicher auch nicht schlecht getan.

Klingbim, der Frühstückstisch wird abgeräumt, alle helfen mit. Ich husche geschwind in mein Hamsterzimmer – hoffentlich sieht mich niemand. Die Morgenzeitung wartet. Lesend sitze ich in meinem Hamsterzimmer, welches ganz oben im Haus ist. Mir gefallen die Dachschrägen, die bringen etwas Ver-rücktes in all zu genaue Geradlinigkeit. Aber was sehe ich da? Auf dem Tisch, der von zwei Bänken benachbart wird, stehend überall Laptops. Die haben wohl aus meinem Hamsterzimmer eine Schaltzentrale, oder wie der Schwabe (no offense!) sagen würde, ein Birrooo gemacht. Mein gemütliches Zeitungsstöbern wird unterbrochen. Menschen betreten mein Hamsterzimmer, setzen sich vor die Laptops. Was aussieht wie eine Lan-Party entpuppt sich als Arbeiten an irgendwelchen Filmmaterial. Material von irgendeinem Lauf, so viel konnte ich aufschnappen. Und Material von Begegnungen mit irgendwelchen Leuten, von Treffen etc. Dann ist das also der Filmschneideworkshop. Und wohl auch der Website-Workshop, denn einige arbeiteten daran. Diese emsige Atmosphäre meidend und vom Hunger getrieben flüchtete ich aus meinem Hamsterzimmer Richtung Küche. Ich betrat die Küche. Obwohl – es war mehr Schlachtfeld als Küche. Ein paar Leute schmierten sich Brote, es wurde ausgelassen über Gott und die Welt diskutiert. Die Küche mutierte mit der Zeit zu einer Art Mekka des konstruktiven Gespräches. Ich möchte nichts vorwegnehmen, aber hier war die Geburtsstätte einer Theorie über den Sinn des Lebens, die sich gewaschen hat. Noch Wochen danach war ich fasziniert von diesem intellektuellen Meisterwerk und derer, die sie auf die Welt gebracht haben. Nicht zu schweigen von der gehaltenen Präsentation über diese Theorie. Ich hab zwar schon viel erlebt in meinem kleinen Hamsterleben, aber das war phänomenal. Es gibt Produkte des menschlichen Geistes, die von einer so durchdringenden Schönheit sind, dass man den Schmutz der Welt und das Elend des Menschseins für kurze Zeit zu vergessen im Stande ist, wenn man sich mit ihnen auseinandersetzt. Nunja – ich schweife ab. Also in der Küche konnte ich es jedenfalls auch nicht aushalten. Ich beschloss in den Garten zu gehen. Dort gefällt es mir ganz besonders. Grüne Wiese, von Bäumen umgeben, ein Trampolin, Ruhe, Sonne, Natur. Doch auch den hatten sie okkupiert, sprangen auf dem Trampolin wie wildgewordene Kartoffeln.

’Erstmal spazieren gehen. Viele bunte junge Menschen an einem Ort, an meinem Ort, der sonst eher grau ist. Ich gehe hoch an den Waldrand, setze mich auf eine Bank und denke nach. Was mache ich aus meinem Haus, wenn überall diese Leute sind. Wie eine Plage. Wenn ich keinen Raum für mich finde. ’Ich werde einfach Teil davon und schaue mal, wie die so drauf sind’ beschließe ich, wälze mich kurz im Gras und trete den Heimweg an.

Ich erlebte Menschen, die Lust haben, etwas zu bewegen in dieser Gesellschaft. Die versuchen, andere zum Träumen zu bringen, andere aus ihrer comfort zone zu ziehen und die Wunder des Lebens zu offenbaren. In diesen Tagen überlegen sie sich Aktionen, die das schaffen können – und versuchen ihre Utopien, ihre Tagträume zu leben im Hier und Jetzt. Und das Hier und Jetzt war die Zeit in meinem zu Hause in Bremke. Morgens standen sie auf, ein paar bereiteten Frühstück vor, geweckt hat man sich durch fröhliche Lieder. Dann die Planung des Tages – jeder bietet Workshops an, auf die er Lust hat. Jeder bringt das ein, was er kann und was ihn momentan bewegt. Die Range dieser Workshops reichte von philosophischen Themen, über gemeinsames Spielen bis hin zum Planen subversiver (höhö) Aktionen. Ich war Zuschauer bei dem ganzen Spektakel. Doch es war eine abwechslungsreiche Show. Momente kompletter Albernheit, Momente der Stille, Momente tiefer Reflexion, Momente der Faszination, Momente in denen man einen Film schaut. Jeder tat, worauf er gerade Lust hatte. Gute Atmosphäre. Und trotzdem (oder eben deswegen) produktiv. Immer mal wider kamen ’Neue’ dazu und andere gingen. Jeder wurde herzlich aufgenommen. Wie lang war ich eigentlich nicht außer Haus gewesen? Hat sich die Welt wirklich so gewandelt? Sind jetzt alle so drauf?

Es war eine spannende Zeit. Das kleine, depressive Meerschweinchen Joachim (mein Psychologe sagt, ich sollte nicht von mir in der dritten Person reden – was soll’s) war ganz uffjerescht. Ja, irgendwie haben die mich genervt, aber irgendwie habe ich sie auch in mein Meerschweinchenherzchen geschlossen.

Ein paar Dinge an die ich mich noch ganz besonders erinnere:

  • Das Sammeln von Mirabellen, das sich so gestaltete: Jemand klettert auf den Mirabellen-Baum, schüttelt ihn, unten ist eine Plane, Mirabellen fallen auf Plane – tata.
  • Ein Vortrag über das Höhlengleichnis von Platon. Mit der Erkenntnis, das viele Menschen (vielleicht wir selber?) in der Höhle sind, vielleicht von der Sonne wissen, aber sich nicht aus der Höhle trauen
  • Frühs um halb 6 aufstehen und die Morgensonne begrüßen (mit einem Herrn, der gelernt hat, das Leben in vollen Zügen zu genießen – sehr angenehm)
  • Der bereits angesprochene Sinn-des-Lebens-Vortrag
  • Endlose Diskussionen darüber, was Funkenflug eigentlich ist
  • Ehrlichkeit
  • Nachdenkend, der Sonne entgegen auf dem Balkon rumflätzen
  • Die zwei Typen von ’Polyluxus’, die aus dem Stehgreif coole Musiktexte improvisieren.
  • Gemeinsames Kochen
  • Spaß, Spiel, Freude, Heiterkeit, Abwechslung
  • Ein Typ, der mehr direkte Demokratie in Deutschland möchte. Der war echt nett. Reist mit einem Bus durch Deutschland und redet mit Menschen genau darüber. ’Wenn man etwas verändern möchte, dann sollte man doch als Mensch dafür doch eine politische Form haben, die das ermöglicht. Das könnte direkte Demokratie sein.’
  • Gute Atmosphäre

Nach dem Ganzen, als alle weg waren, fegte ich erst einmal gründlich die Bude! Und mich überkam die Lust, etwas in unserer Welt zu bewegen. Ideologiefrei, miteinander statt gegeneinander, nicht Strukturen verändernd, sondern Haltungen anstoßend. Nicht gegen die Hamster, sondern mit den Hamstern.

Leider wird daraus nichts, denn ich habe mich in einen Topflappen eingehäkelt. Ja, klingt doof, ist aber so. Dieses Campgehabe erinnerte mich an das Meerschweinchencamp in Jugoslawien 1974. Ich wollte es mit den Häkeln einfach noch mal probieren. Doch auch ich bin ein Meerschweinchen mit sehr langen Haaren.

Euer Joachim. *wälz, wälz*

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