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Erinnerung an einen Schulbesuch – von Mira

Mehr oder weniger zufällig stehen wir zwei auf einmal vor der evangelischen Gesamtschule in Wittenberg und überlegen, ob wir nicht doch hineingehen wollen, um mit den Kindern ins Gespräch zu kommen. Es ist dieselbe Schule bei der wir letztes Jahr übernachtet haben und eigentlich dachten wir, es wäre schön eine berufsbildende Schule oder die Uni zu besuchen, aber bei beiden hat es sich heute leider nicht ergeben.

Wie wollen wir auf die Kinder zugehen? Wie können wir einen Rahmen schaffen, der ihnen sowohl die Freiheit gibt, sich einzubringen und den Raum selbst zu gestalten, als auch sich rauszuziehen und einfach nichts sagen zu müssen?

Leicht überfordert höre ich in mich hinein und merke zuerst, dass ich nach Fragen suche, die MICH wirklich interessieren. Was möchte ich diese Kinder fragen? Alles andere erscheint mir sinnlos, denn ich weis, anderen Fragen werden nicht authentisch sein und deshalb keine Kraft entfalten und die Kinder schon gar nicht interessieren, sie mir zu beantworten. Ich stelle es mir vor, wie wenn der Lehrer fragt: „Was macht drei Kirschen und zwei Rosinen? Fragen, die er längst beantwortet weis. Fragen, die dem Kind nicht das Gefühl geben, da ist jemand der ihm wirklich ZUHÖREN will.

Wir sprechen zwei drei Fragen gemeinsam ab, die uns interessieren und werden aufeinmal von einer Klasse überrascht, die gerade zurück von einem Garteneinsatz kommt. Die Lehrerin mustert uns zwei leicht deplatziert wirkende Wanderer verwundert und fragt, was wir hier denn im Eingang dieser Schule wollen. Etwas überrumpelt und dann entschlossen, dass wir uns nun einfach dem Schicksal hingeben, erzählen wir ihr, dass wir spontan überlegt hatten, vorbeizuschneien und ein Gespräch mit den Schülern aufzusuchen.
Etwas widerwillig lädt sie uns ein mit hochzukommen und die Lehrer spontan anzusprechen. Wir landen bei einer begeisterten Deutschlehrerin in der 6. Klasse. Nur zu zweit vor den Kindern zu stehen ist etwas ganz anderes. Ich spüre die Verantwortung. Jetzt kann ich mich nicht mehr rausziehen und trotzdem bin ich nicht allein. Ja ein gesundes Maß von Verantwortung – so fühlt es sich an.

Wir machen einen Stuhlkreis. Jetzt ist es nicht mehr möglich kurz Dinge mit Johanna zu besprechen, denn wir sitzen zu weit voneinander entfernt. Aber ich denke mir, das ist gut so, denn sollte etwas abzusprechen sein, so ist die authentischste Art und Weise die, es einfach laut und in Ruhe in der Runde auszusprechen. Puuh, das gibt mir Vertrauen. Ich beginne mich auf die Atmosphäre einzulassen. Komme langsam an und blicke in die teils neugierigen, teils gelangweilten, ernsten und scheuen Gesichter. Also für 6. Klasse kommen die mir aber alle ein wenig groß vor… Ein Gefühl von Respekt und Angst erfüllt mich und plötzlich merke ich, wie dieses Gefühl mir eine neue Wachheit für die Kinder verleiht. Aufeinmal sehe ich sie nicht als Kinder, nicht als Sechstklässler, nicht als Schüler. Ich sehe sie als Gegenüber, als mein Gegenüber, auf einer Ebene stehen wir, ruhen wir, sind es Freunde, die mich verstehen können und wollen. Und ich beginne einfach von mir zu erzählen. Wie ich die Schule beendet habe und außer dem Reisen nicht weis was danach kommen soll, weil keine Uni irgendwie zu mir passt. Bei ihr habe ich das Gefühl gegen die Natur meines Herzens zu arbeiten und aus mir einen mechanischen Menschen zu machen, der nicht fühlt, sondern es gelernt hat, resigniert auszudiskutieren und sich den eigenen Mut und die Zuversicht abzutrainieren. Dies erzähle ich, in etwas gemilderter Form und spüre wie die Kinder mir zum ersten Mal mit ehrlichem Interesse und einem Anflug von Verbundenheit zuhören. Wir stehen an so verschiedenen Punkten im Leben und trotzdem können wir uns verstehen.

Dann werfen wir die Idee in den Raum, dass jeder der Lust hat, mal kurz für sich aufschreibt, was er sich für seine Schule, die Zukunft oder sich selbst wünscht oder erträumt. Was ist euch wichtig im Leben? Was braucht ihr gerade? Kurz überlege ich danach, ob diese Flut schwammiger Fragen irgendwie angekommen ist, frage nochmal in die Runde, ob jeder etwas damit anfangen kann und interessanter Weise kommt aus vielen Ecken ein Nicken. Die Lehrerin spielt uns zu, ermutigt die Kinder Zettel und Stift herauszuholen, mitzumachen ohne sie wirklich dazu zu verpflichten. „Schreibt aber ordentlich, die beiden werden die Wünsche bestimmt einsammeln.“ sagt sie zu ihrer Klasse. Dem widersprechen wir, nein die Zettel sind etwas persönliches. Ob malen, ob schreiben, was auch immer entsteht, jeder ist da ganz frei. Und wer möchte kann gerne seinen Zettel am Ende uns mitgeben, wir freuen uns sie lesen zu dürfen.

Die Atmosphäre wandelt sich. Jeder oder fast jeder, auch Johanna und ich, wenden uns uns selbst zu. Einige Jungs quatschen ein bisschen, lachen, überlegen hin und her. Beginnen zu zeichnen. Drei Mädchen schreiben nur so drauf los. Zeile für Zeile, als reiche die Zeit nicht aus, um die eigenen Gedanken festzuhalten. Ich versinke in meine Überlegungen und erstaunlicher Weise kommen sogar neue Ideen – und das nachdem ich mich doch gefühlt schon seit einer Ewigkeit mit Bildung beschäftige. Ich träume von unzähligen Orten, an denen bestimmten Themen und Berufen nachgegangen wird. So eine Art  lebendiges Studium direkt am Arbeitsplatz. Zum Beispiel einem riesigen Hof bei dem ganz viel getischlert wird und Kunsthandwerk entsteht. Und jeder der Lust hat, fährt einfach hin, wohnt dort in Gemeinschaft oder kommt einmal die Woche vorbei, um im Tun zu studieren. Die Idee hat keine Zeit auszureifen, schon kommt ein neuer Wunsch. Eine Gesellschaft ganz ohne Erwartungen. Menschen die einfach ihrem eigenen Sinn folgen.
Nach dem kurzen brainstormen wendet sich jeder seinem Nachbar zu, um sich über das Geschriebene auszutauschen. Zu zweit fällt es deutlich leichter sich zu öffnen. Daraufhin laden wir die Kinder ein auch der großen Gruppe ihre Wünsche mitzuteilen. Zunächst traut sich keiner den Mund aufzumachen, aber nachdem wir konkreter fragen, wieso sie sich zum Beispiel gerade für diese Gesamtschule (mit einem sehr projektorientierten Konzept) entschieden haben, beginnen sie von ihrem Verständnis von Bildung zu erzählen. Das ist spannend und zum ersten Mal nach all den unzähligen Schulbesuchen wird mir die Tiefe
hinter den – für manch einen – banal klingenden Wünschen bewusst: „Ich wünsche mir Tiere für diese Schule.“ sagt nämlich eine Schülerin. Und ich beginne zu erahnen, was hinter diesem Wunsch stecken könnte. Ja, wir können immer wieder von Verantwortung, Mut oder Gemeinschaft etc. sprechen. Aber immer bleiben diese Vorstellungen in schwammigen, subjektiven Räumen. Keiner weis, was es genau bedeutet Verantwortung zu lehren. Diese Kinder hingegen, wissen was es bedeutet. Sie  brauchen keine verkopften Fachwörter oder poetischen Wunschvorstellungen um ausdrücken zu können, was sie lernen und erfahren wollen. „Wir wünschen uns Tiere für unsere Schule.“ – konkreter kann man nicht ausdrücken auf welche Weise man Verantwortung übernehmen, erlernen möchte.

Das Gespräch nimmt eine fließende Form an. Immer wieder entstehen bei Johanna und mir Fragen, die wir in die Runde werfen und die die Kinder zu neuen Äußerungen anregen. Ich freue mich über mich selbst, dass ich wahres Interesse an ihren Geschichten spüren kann und nicht das Gefühl habe, sie mit mir fernen floskelhaften Fragen anstoßen zu wollen.

Von selbst entsteht bei den Kindern nach einer Zeit das Bedürfnis mehr von unserem Lauf zu erfahren. Sie stellen uns lauter Fragen und spielen mit dem Gedanken, was es beutetet einfach loszulaufen.
Noch sind sie fern davon, dies wirklich zu tun. Und doch so nah, dass sie in Kontakt bleiben wollen und uns bitten die Internetseite des Läuferblogs dort zu lassen. Und als plötzlich der Mathelehrer erscheint und sich der „normale“ Schulalltag einschleichen will, da drücken einige von ihnen mir schüchtern ihre kleinen sorgfältig gefalteten Wünsche in die Hand, auf dass ich sie mitnehme und lese und auf dass sie in Erfüllung gehen.

Gerührt von der Verbundenheit und entspannten Atmosphäre, die in dieser kurzen Zeit entstanden ist, sich von der Lehrerin und uns auf die Kinder übertragen hat, verlassen wir beide das Schulgebäude. Und als wir zwei Tage später endlich Zeit finden die Wünsche zu lesen, da kommen mir die Tränen… Denn die Kinder erzählen uns nicht nur über ihre Wünsche, sondern auch über das, was sie gerade sehr bedrückt.

Ich bin so dankbar und gerührt, dass sich einige von ihnen anscheinend so verbunden fühlten, dass sie bewusst entschieden, uns ihre Wunschzettel anzuvertrauen, auf dass wir sie „einfach“ lesen und dadurch ihr Schmerz leichter werde. Sie müssen gefühlt haben, dass wir ihnen wirklich zuhören wollten und gespürt, dass wir für sie da waren.
Atemraubend, dieser Schulbesuch. Atemberaubend, wenn reine Menschlichkeit Tore öffnen kann. Atemberaubend wenn „Lehrer sein“ einfach bedeutet da zu sein.

Mira

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. Das ist ein schöner Artikel. Wie sensibel Kinder sind begeistert mich immer wieder. Das Tiere für Schule eine heilende Wirkung haben kann ich mir auch gut vorstellen.
    Hieronymus

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