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Über den Landstreichler

Wenn auch der Beruf des Landstreichlers noch ein sehr seltener ist, so ist es doch ein ehrenwerter Berufsstand, der im allgemeinen sehr geschätzt wird. Wer würde sonst die Kirschen in den Wäldern vorm Vergammeln retten und den Sauerampfer vom Wegrand ernten? Wer würde den Anblick der Mohnblumen genießen und regelmäßig testen, ob die Rosen doch duften? Wer würde die selten begangenen Pfade im Wald in Stand halten, den Vögeln zuhören, stundenlang die Eleganz von Schnecken bestaunen und die vielen weiteren wichtigen Aufgaben erledigen, denen sich der Landstreichler widmet.

Da der Mensch das einzige von der Natur geschaffene Lebewesen ist, welches ihre Wunder auch bestaunen kann, ist es wichtig, dass es jemanden gibt, der diese Aufgabe übernimmt. In einer Zeit, in der immer noch viele Menschen unter Stress stehen, wenig Zeit haben und mit Nebensächlichkeiten beschäftigt sind und auch noch immer viele Straßen die Landschaft zerschneiden und Autos den Boden verdichten, ist es wichtig, dass es Menschen gibt, die genügend Zeit haben und mit ihren Händen das Graß am Wegesrand und den Boden unter ihren Füßen streicheln.

Die Landtreichler selbst verstehen sich als Heiler, die die Wunden pflegen, die die Achtlosigkeit geschlagen hat. Sie schenken den Dingen die Aufmerksamkeit, die ihnen gebührt. Es muss ja schließlich jemanden geben, der den liebevoll gestalteten Vorgarten auch bewundert und sein Lob ausspricht. Und es muss auch jemanden geben, der noch offen trauert, über die noch immer existierenden trostlosen Mauern, Bürohäuser und Betonwüsten. Die Landstreichler sammeln den Müll von den Wegrändern und Wäldern, sie helfen Regenwürmern über die Straße und haben ein Ohr für die Menschen, denen lange nicht mehr zugehört wurde.

Menschen, die mit Landstreichlern unterwegs waren, berichten von der der erstaunlichen Tatsache, dass die Dinge genau dann eintreffen, wenn sie gebraucht werden. Ein kühler See und ein geschenktes Erfrischungsgetränk bei Hitze und eine warme Unterkunft bei Regen. Den Landstreichlern selbst zufolge, hat dies mit der Kunst zu tun, sich die Dinge zu Wünschen, sie aber nicht zu erwarten und mit der Aufmerksamkeit, die man braucht, um die vielen Wunder, die einem der Tag schenkt, auch zu erkennen.

Manche Landstreichler übernehmen auch die Rolle, der früheren Narren und Gaugler, in dem sie uns auf komische Weise die Absurditäten vorhalten, die wir im Alltag nicht wahrnehmen. Durch ihren Lebensstil, überraschende Fragen und Aktionen, weisen sie uns auf Widersprüchlichkeiten hin, zeigen uns wie groß die Palette der Möglichkeiten ist und erinnern uns an das Wesentliche.

Sie selbst versuchen mit dem Geringsten zufrieden zu sein: Eine Unterkunft in einer Garage gewährt zu bekommen, ist genauso wertvoll, wie eine Einladung ins Hotelzimmer. Alles was sie besitzen, tragen sie bei sich und je weniger das ist, desto leichter sind sie.

Oftmals ernähren sie sich vom Überfluss der Gesellschaft. Mit dem Hunger einer langen Wanderung, dem Müll aus den Tonnen der Supermärkte und den Kräutern aus dem Wald bereiten sie sich ein köstliches Mahl, dessen Duft weithin übers Land zieht: Der Geruch von Freiheit.

– von Emil

Kommentare (4) Schreibe einen Kommentar

  1. sauu gut!! landstreicher war schon als kind mein traumberuf!! :)
    den text häng ich mir auf danke!

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  2. Pingback: Über den Wortspieler | Funkenflug

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