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Impressionen und Gedanken zu meinem Funkenflug

„Am liebsten würde ich gleich mitlaufen!“, höre ich mich nach 15 Minuten Gespräch mit den Freigeistern des Funkenflugs vor der alten Aula in Tübingen sagen. Ich bin zwar ein spontaner Typ, aber kurzerhand alle Termine für den Rest der Woche abzusagen ist sonst nicht meine Art. Doch für mich liegen die Beweggründe auf der Hand: Schulen, die SchülerInnen als unmündige Lernroboter ansehen, Universitäten, die standardisierte Vorträge ohne Raum für Diskurs frontal unterrichten und eine Gesellschaft, die das Träumen, die Selbstverwirklichung und letztendlich die Humanität systematisch unterbindet kann ich nicht länger hinnehmen! Doch wie ergründet man mögliche Lösungen? Nicht alleine, wie ich finde. Es gilt gemeinsam Lösungsvorschläge auszudiskutieren, zu entwickeln und zu verbreiten. Ein wahres Glück also, dass der Weg der Funkenflieger meinen kreuzte. Denn für eine solche Sache lohnt es sich auf die Straße zu gehen und gemeinsam die Funken fliegen zu lassen! Also schreibe ich meinen Dozenten, dass ich für den Rest der Woche ein Blockseminar über alternative Bildungswege besuchen werde und mache mich für ein paar Tage auf den Weg Richtung Berlin.
Treffpunkt ist die Universidee, das freie Uniexperiment Stuttgart, ein Hort des selbstbestimmten Lernens und inzwischen die Keimzelle des Funkenflugs. Eine zunehmende Anzahl von teils augenfälligen teils versteckten Notizzettel voller Weisheiten, philosophischen Zitaten und rhetorischer Fragen führt uns zielstrebig zur offenen Tür. Drinnen werden meine Mitbewohnerin und ich sofort von der gut 20 Personen umfassenden Gruppe in die Tischrunde integriert und mit veganen Pasta verköstigt! Die Atmosphäre ist familiär, unbefangen und doch konzentriert. Hier möchte man etwas bewegen!
Nach dem Essen schauen wir uns den Trailer Classroom Alive (http://www.classroomalive.com/) über selbstbestimmtes Lernen beim Wandern an und beschließen ebenfalls am Tag insgesamt je vier Stunden zu wandern und zu studieren.
Am nächsten morgen brechen wir nach einem üppigen Frühstück gegen 9 Uhr auf. „So schnell wie möglich raus aus der Stadt!“, ist die Devise. Ausgestattet mit Notizzettel der Erinnerungsguerilla (http://die-erinnerungsguerilla.org) machen wir uns auf den Weg. „Was bleibt wenn du gehst?“, „Was würdest du tun, wenn du nicht scheitern könntest?“, „Wann singt dein Herz?“, sind nur manche der rhetorischen Fragen, die unsere Spur nach Berlin ziehen werden.
Kaum außerhalb der Stadt, merke ich, wie entfernt mein Leben eigentlich von der Natur ist. Während ich die meisten Pflanzen in meinem Umfeld nicht einmal bei ihrem Namen nennen kann, diskutieren die Funkenflieger deren zahlreiche Nutzungsmöglichkeiten, wie zum Beispiel Bärlauch mit Butter und Salz auf dem Brot, Spitzwegerich als Wundheilmittel oder Brennnesseln als Tee.
Außerdem spüre ich schon bald, wie das Laufen es mir ermöglicht auch meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Völlig losgelöst von Schreibtisch und Stuhl entfacht sich in mir eine Kreativität, durch die ich Sachverhalte von Grund auf hinterfragen, durchdenken und reflektieren kann. Während des Laufens ergeben sich in den nächsten Tagen spannende Diskussionen über Anthroposophie, Demut, Konsumverzicht, Selbstverwirklichung, Verantwortung, Gesellschaftsutopien und alternativen Bildungswegen. Als sehr ergiebig empfinde ich auch die Lernstunden, die jeder frei und selbstbestimmt gestalten kann. Einige Funkenflieger bilden Lerngruppen, andere ziehen sich zum eigenständigen Lernen zurück. Ich suche mir jeweils einen ruhigen Lernplatz und mache die Erfahrung, dass ich angeregt durch die Bewegung an der frischen Luft deutlich inspirierter und konzentrierter als sonst für mein Lehramtsstudium arbeite.
Sehr zu schätzen weiß ich die allabendliche Reflektionsrunde, in der in willkürlicher Reihenfolge jeder einzelne über die Geschehnisse, Gedanken und Gefühle seines Tag berichten darf, aber nicht muss. So werden mögliche Meinungsverschiedenheiten von Anfang an gemeinsam reflektiert, mögliche Streitgespräche von Grund auf vorgebeugt und der Gruppenzusammenhalt gestärkt. In meiner Reflektion werfe ich die Frage auf, warum der Name Funkenflug nicht noch mehr propagiert wird und die Leute direkter angesprochen werden. Daraufhin erörtern wir gemeinsam, dass die Essenz des Funkenflugs die individuellen persönlichen Beweggründe sind und diese Hauptgegenstand eines Gesprächs sein sollten. Warum genau laufe ich also?
Als Lehramtsstudent ist es mir ein zentrales Anliegen dem Wesen, der Essenz von Bildung näherzukommen. Ich möchte mir Sachverhalte selbst erarbeiten, ergründen und reflektieren und nicht auswendig gelerntes bedenkenlos aufsagen. Ich möchte für das Leben äußerst nutzvolle Kompetenzen wie die Selbstbestimmung, Selbstständigkeit, Eigenverantwortung und Selbstorganisation in der Planung, Auswahl und Durchführung eines Lerninhaltes vermitteln. Ich möchte über Unterricht sinnieren, der die Welt außerhalb des Klassenzimmers und die individuellen Interessen der Schüler mehr in Bezug nimmt. Ich möchte die auf Konventionen basierenden Strukturen mentaler Käfige, wie Unterrichtsmethoden, Lerninhalte, Unterrichtsorte, Unterrichtszeiten, Evaluationssysteme, die Lehrerausbildung und noch viele, viele mehr hinterfragen, durchdenken und gegebenenfalls sprengen. Als angehender Lehrer und Erzieher trage ich eine unfassbare Verantwortung, nicht nur für die individuelle Zukunft meiner künftigen Schüler, sondern auch der Zukunft unserer gesamten Gesellschaft! (Natürlich stellt sich hier die Frage in was für einer Gesellschaft die Menschen in der Zukunft leben werden wollen!)
Auf persönlicher Ebene laufe ich um meinen Horizont zu erweitern, um mich selbst zu verwirklichen und somit anderen auf den Weg zu sich selbst zu unterstützen. Auch um letztendlich ein radikaleres Leben führen zu können, was nichts mit Gewalt zu tun hat, sondern mit dem lateinischen Wort radix, der Wurzel, der Ursprünglichkeit, dem Leben, das ausdrückt, was ich wirklich bin und nicht das, was die Gesellschaft aus mir zu formen vermag.
Einige dieser Gedanken wurden erst durch meinen Funkenflug angeregt, weshalb ich die Teilnahme jedem (aber insbesondere Lehramtsstudenten!) ans Herzen legen kann. Was aber wenn man nicht mitlaufen kann? Diese Frage stellte sich mir insbesondere als ich zurück im Alltag war. Folgendes habe ich mir persönlich vorgenommen und auch schon teilweise vollbracht:
– den Funkenflug-Blog verfolgen und unterstützen (Kommentare, Anregungen, Fragen, …)
– über den Funkenflug und meinen Erlebnisse mit möglichst vielen Menschen sprechen, Diskussionen anregen und vielleicht Leute zur Unterstützung begeistern
– Lehrerberuf, Schulen, Universitäten und die Gesellschaft in ihrer heutigen und zukünftigen Form in Frage stellen
– mich intensiv mit offenem Unterricht und selbstbestimmten Lernen und deren Methodenvielfalt beschäftigen (-> Falko Peschel), mit möglichst vielen Menschen darüber diskutieren (Kommilitonen, Lehrer, Dozenten, …) und selber ausprobieren. Diese Erkenntnisse dann teilen!
– dem Funkenflug die Priorität einräumen, von Tübingen Richtung Berlin zu trampen und die letzten Tage mitfliegen
Zu meinen Ohren kam bis jetzt allerhand Feedback à la: „klingt ja wie ne Sekte!“/„uns geht’s doch gut, warum wollt ihr was verändern?“ über „klingt interessant, werde ich mal verfolgen!“/„boah leck, jetzt bin ich neidisch!“ zu „schön, dass es noch Leute wie euch gibt, die nicht alles hinnehmen!“/„ich bin sowas von dabei!“.
Sehr viele Leute mit denen ich gesprochen habe, zeigten sich etwas abgeschreckt vom spontanen, ungeplanten, flexiblen Charakter des Funkenflugs. Zwar möchten wir nach Berlin kommen, doch gibt es keine Tagesziele, keine festgelegten Routen, keine gebuchten Schlafplätze. Ich schätze es aber sehr, kein Sklave eines vorgefertigten Plans zu sein, weil dies eine ungeahnte Freiheit, viele positive Überraschungen und unerwartete Abenteuer ermöglicht. Sehr oft haben wir den Weg von wundervollen Menschen gekreuzt, die uns die schönste Route aufweisten, Lebensmittel schenkten (vor allem lokale kleine Geschäfte) oder ein Nachtlager gewährten. Jederzeit hatten wir die Freiheit spontan eine andere Route einzuschlagen oder den Moment einzig im Hier und Jetzt so lange zu genießen wie wir wollten. Kurzum, der Weg wird zum Ziel.
Ich werde mein bestes geben Mitte oder Ende Juni wieder für ein paar Tage auf den Funkenflug aufspringen zu können. Diesmal hoffentlich auch für mich mit der Gelegenheit Bildungseinrichtungen zu besuchen und mit Lernenden und Lehrenden über Bildung zu diskutieren. Wenn ich es nicht schaffen sollte, brennt meine Feuer trotzdem noch so stark, dass ich die Funken anderweitig fliegen lassen werde!
Herzlichen Dank an jeden einzelnen Funken!
Cédric

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PS: Sollen die Schüler als perfektionierte Zahnrädchen in die Maschinerie der Wirtschaft eingebaut werden oder nach individueller und kollektiver Selbstverwirklichung streben?

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Funkenflieger!
    Ihr bringt mit eueren neuen Ideen die Kreativität in Fluss, die oft an Systemen scheitert. Weiter so!
    Leute wie euch braucht das Land, um an entscheidenden Knackpunkten eine Systemveränderung zu ermöglichen!
    Ich unterstütze euere Ansätze!
    liebe Grüße
    von Monika aus Gutenstetten

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  2. YIHA! Wir sind nicht alleine! Ich studiere zur Zeit Philosophie und Musikwissenschaften in Münster und wäre in der Schule beinahe krepiert. Es ist Zeit, dass die Guten Menschen sich von ihrer Angst befreien und dem Gesellschaftlichem Konsens Parolle bieten.
    Energiepolitik – Naturkatastrophen, Freihandelsabkommen, Finanzkrisen, und so vieles mehr sollten wir nicht ohne unreflektierte Diskussion und Transparenz über uns Ergehen lassen und uns nicht in Alkohol, Rudelgucken, und sonstigen Verdruss und Kompensation fliehen!!
    Wir müssen auf die Menschen zugehen und unsere Botschaft verbreiten und dabei aber nicht vergessen, dass wir alles nur Menschen sind – auch diejenigen die uns unser Leben so schwer machen. Sie haben Angst vor den existenziellen Fragen des Lebens. Wir die dummen und schwachen müssen den starken und schlauen die Augen öffnen. Das geht am besten mit Liebe.
    Ich liebe euch!

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